Zu Besuch beim Göteborger Filmfestival


Dass das Wetter in Schweden in den ersten Monaten des Jahres zu Wünschen übrig lässt, ist wohl allgemein bekannt. Außer im ganz hohen Norden, wo das Cliché des Winterwunderlandes Realität wird, begnügt man sich in den südlicheren Gefilden Schwedens mit (Schnee-)Regenwetter und einem Himmel, der oftmals nur zwischen hell- und dunkelgrau variiert.

Warum ist es dennoch eine Reise ins regenreiche Göteborg wert gewesen?

„Klein-London“ tafelte vom 23. Januar – 3. Februar das größte Filmfestival in Skandanavien auf.  Das Festival versteht sich als Bühne für Filme aus aller Wert, aber auch als „Sprungbrett“ für den nordischen Film auf den internationalen Markt.

Dieses Jahr präsentierte das Göteborger Filmfestival beispielsweise einen Fokus auf Japan, der neben einer Retrospektive schwedischer Langfilme des Jahres 2014 und einer Auswahl von wegweisenden HBTQ-Filme, die weite Spanne des Festivals beschreibt.

Angenehm ist das Unprätentiöse am GIFFs: Den großen strahlenden Glamour anderer Festivals sucht man hier vergeblich. Anders als beispielsweise bei der Berlinale, bei der man für die besten Filme am besten am Potsdamer Platz zeltet oder sich schon 6 Monate zuvor die Tickets heraussucht und sichert, geht es in Göteborg sichtlich gemütlicher zu.

Wie bei anderen Festivals wohl auch, wird man aber auch hier an Orte getragen, an die man wohl zuvor nicht gekommen ist oder gar nicht hingehen wollte. Ich entdeckte somit ein herrliches kleines Kino auf Lindholmen auf der „anderen Seite“ des Göta älvs, der durch die Stadt fließt. Fern ab der Altstadt, dem schönsten Viertel Haga und nah am Industriehafen, bei der Technischen Universität.

Das Kino und Theater Aftonstjärnan ist das älteste noch benutzte Kino der Stadt und nahm 1915 seinen Betrieb auf: Der Verein Aftonstjärnan wurde von einigen Werftarbeitern 1892 gegründet und veranstaltete zunächst Tanzabende und später Theatervorstellungen. Als nykterhetsklubb gegründet, herrschte hier striktes  Alkoholverbot. Man organisierte stattdessen Aufklärungsabende und Vorträge über die Auswirkungen von Alkohol und Alkoholismus. 1915 fand ein Filmprojektor Einzug in das Aftonstjärnan-Lokal und die ersten Filmvorführungen inklusive Klavierbegleitung wurde Teil des Vereinprogrammes. Anlässlich dieses hundertjährigen Geburtstages, zeigte das Kino als Überraschung einen animierten Kurzfilm von 1915, der auch damals so im Kino gezeigt wurde.

Victor Bergdahls Trolldrycken handelt passenderweise von einem ”Dämonen”, von den man während des Alkoholtrinkens besessen wird und zeigt lustig und lehrreich die Gefahren dessen auf – wie man es wohl von einem nykterhetsklubb erwartet.

Ein anderes Ziel war das ebenfalls geschichtsträchtige Kino Draken. Hier fanden seit den 1950er Jahren Filmvorführungen statt bis der Kinobetrieb 1995 niedergelegt wurde. Auf Initiative des Göteborger Filmfestivals, der Stadt und städtischen Cineasten, die die Kinostühle als Spendenprojekt aufkaufen, konnte das Kino jedoch gerettet werden und fungiert nun als Stammlokal für das Filmfestival und als Cinemathek.

Platziert inmitten des 50er-Jahre-Charme des Kinosaals hinter einem Sitz, den „Håkan Anderson” wohl gespendet hat, blickt man anstelle des sonst gängigen roten Vorhangs auf einen mit Wikingerschiff-Motiv.

Als dieser sich hebt, schaue ich Bridgend des dänischen Filmemachers Jeppe Rønde. Der für den Ingmar Bergman International Debut Award nominierte Film lief in diesem Jahr schon auf dem Rotterdamer Filmfestival und behandelt eine Reihe Teenager-Selbstmorde, die 2007 in einer Kleinstadt in Wales geschahen. Mehr Spielfilm als Dokumentation fängt Rønde die Tristesse des Kleinstadtlebens ein, den Alltag britischer Jugend und die unendlich schöne Landschaft Wales.

Auch wenn jener Preis schlussendlich an die griechisch-bulgarische Filmproduktion The Lesson (Kristina Grozeva/Petar Valchanov) ging, ist Bridgend einen Kinobesuch wert. Den sonst so derben und schwarzen Humor anderer dänischer Filme wird man hier zwar nicht finden, dafür aber eine Lebens- und Naturbeschreibung von fast philosophischer Art. Auf die Frage hin, ob der Film ein Happy End zeige, meint der Regisseur im anschließenden Gespräch: „You see a happy end? Well, that makes me happy. But it’s up to you, what you want to see in it.“

Der Preis für den besten nordischen Film ging Samanou Acheche Sahlstrøms In Your Arms und damit doch noch an Dänemark!


Über Marlene

Im Gegensatz zu Berlin, riecht es in der Ubahn in Stockholm nach Zimtschnecken. Ein Grund meine Wahlheimat zu verlassen und wieder gen Norden zu ziehen. Zur Zeit wohne ich in Malmö mit Sicht auf Kopenhagen und schreibe über Film, Musik und Kultur.

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