Tórshavn: Ein Cityguide mit HULDA


DSC_7402Tórshavn ist die Hauptstadt der Färöer-Inseln – und mit etwa 20.000 Einwohnern eine der kleinsten der Welt. Lebendige Urbanität und ruhige Beschaulichkeit liegen in der nach dem germanischen Gott des Donners und Blitzes Thor (färöisch: Tór) benannten nordischen Kapitale ganz nah beieinander. Vielleicht macht genau diese Mischung Tórshavn so einzigartig. Ich habe mich mit Rannvá Helenudóttir getroffen, der Frontfrau des neuen färöischen Elektropop-Projekts HULDA, und mir mit ihr die interessantesten Orte angesehen.

Mein Lieblingsort in Tórshavn ist ganz klar die Altstadt. Wer dieses auf einer schmalen Halbinsel gelegene Stadtviertel betritt, begibt sich in ein faszinierendes Wirrwarr von engen Gassen und Durchlässen, Stufen und Felsen, niedrigen, schwarz geteerten Häusern mit weißen Fensterläden und grasbewachsenen Dächern. Hühner laufen umher, auf kreuz und quer hängenden Wäscheleien hängen Unterhosen und Wollsocken, ältere Frauen unterhalten sich von Fenster zu Fenster. Die Szenerie wirkt fast surreal. „Wir nennen dieses Viertel Á Reyni“, verrät Rannvá, die als HULDA auf den Färöern musikalisch momentan durchstartet. Sie hat im vergangenen Jahr vier erfolgreiche Singles veröffentlicht und bringt Ende Februar ihr erstes Album heraus. „Auch wenn ich schon unzählige Male hier war, ist es für mich immer wieder ein Erlebnis, durch dieses verrückte Labyrinth von steilen Treppen und engen Straßen zu laufen.“

Auf der Halbinsel liegt auch das Regierungsviertel. Bereits in der Wikingerzeit versammelten sich hier die sogenannten freien Männer der Färöer zum Thing, womit Volks- und Gerichtsversammlungen nach dem alten germanischen Recht bezeichnet werden. Die Halbinsel heißt Tinganes, was wörtlich übersetzt „Thing-Landzunge“ bedeutet. Die Landesregierung der Färöer hat in den roten Holzhäusern des Regierungsviertels nach wie vor ihren Sitz.

Das Parlamentsgebäude ist ein 1856 unter Gouverneur Carl Emil Dahlerup gebautes weißes Holzhaus und befindet sich nördlich des ursprünglichen Tagungsortes mitten im Zentrum von Tórshavn. Die Stadtmitte ist sehr lebendig. Zahlreiche Geschäfte, Cafés, Hotels, Restaurants, Bars und kulturelle Einrichtungen sorgen für ein weltoffenes Flair. Rannvás Lieblingsorte sind unter anderem die Sushibar Etika, das Café Kaffihúsið, der Kunsthandwerksladen Öström, das CD-Geschäft Tutl sowie die Klamottenläden Guðrun & Guðrun, Sirri und Soul Made, die vor allem auf Strickmode spezialisiert sind.

„Tórshavn ist eine kleine Stadt“, gibt Rannvá zu, „dennoch gibt es hier alles, was eine richtige Hauptstadt ausmacht.“  Dazu gehört natürlich auch ein aufregendes Nachtleben. Rannvás Lieblingsbar ist Sirkus, direkt am Westhafen gelegen. „Bis vor ein paar Jahren gab es eine Kneipe mit genau demselben Namen und Look in Reykjavík“, erzählt Rannvá. Die Besitzerin der Tórshavn-Variante war dort Mitte der Nuller-Jahre Türsteherin. Als Sirkus in Reykjavík 2008 dicht machte, eröffnete sie in Tórshavn kurzerhand eine färöische Variante. Deswegen heißt die Bar offiziell auch Sirkus Föroyar.

Tórsgøta ist die „Kulturstraße“ von Tórshavn. Hier sind unter anderem das Nationaltheater der Färöer („Tjóðpallur Føroya“) beheimatet und der brandneue Veranstaltungsort Reinsaríið. „Wir haben eine sehr lebendige Kultur- und Musikszene auf den Färöern“, sagt Rannvá, „aber ein Konzerthaus hat bisher gefehlt. Diese Lücke wurde nun geschlossen, worüber wir alle sehr froh sind.“

Wie es sich für eine Hauptstadt gehört, wartet Tórshavn auch mit architektonischen Highlights auf. An erster Stelle ist hier das Haus des Nordens („Norðurlandahúsið“) zu nennen. Seine einzigartige Architektur mit dem typischen Grasdach macht es zu einem der spektakulärsten Bauten des gesamten Archipels. Nicht zuletzt durch diesen Impuls erlebt das traditionelle Grasdach seit den 80er Jahren eine Renaissance in der zeitgenössischen Architektur der Färöer. „Ich persönlich mag auch sehr die Architektur des grönländischen Kulturhauses, das etwas an ein Iglu erinnert“, lacht Rannvá. „Touristen bekommen dieses ungewöhnliche Gebäude fast nie zu Gesicht, weil es etwas versteckt im Westen der Stadt liegt und in keinem Reiseführer erwähnt wird.“

Bei Besuchern völlig unbekannt ist auch das Stadtviertel Hamarinum. „Es liegt recht weit hoch auf einem Hang“, erläutert Rannvá. „Wenn man von oben runterschaut, hat man einen wunderschönen Blick auf die Stadt – und auf den Ozean, der Tórshavn umgibt.“

Was nun ist das Besondere an der Hauptstadt der Färöer? Rannvá überlegt kurz: „Faszinierend ist sicherlich, dass dieser überschaubare Ort Geschichtliches und Modernes auf eine einzigartige Weise miteinander verknüpft. Das umgebende Meer ist unendlich groß, aber mittendrin liegt unsere quirlige Stadt. Hier gibt es das Gleiche wie in der großen Welt, nur in kleinerem Umfang und viel konzentrierter. Vielleicht ist das das Besondere.“

Text und Fotos: Stephan Lücke


Über Stephan

Mit 15 stieß Stephan zufällig auf eine Broschüre über die Färöer-Inseln. Ein kurzes Herumblättern genügte, und es war um ihn geschehen. Neben den Färöern hat der 35-Jährige, der hauptberuflich als Redakteur in einem medizinischen Fachverlag arbeitet und früher mal Krankenpfleger war, auch eine ausgeprägte Faszination für die anderen nordischen Ländern, momentan besonders für Finnland.

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