Mariehamn: Design-Metropole im Miniformat


Zwei Häfen, einer am westlichen und einer am östlichen Rand einer schmalen Halbinsel, dazwischen ein Lindenbaum-gesäumter Boulevard, eine kleine Fußgängerzone mit Geschäften und Cafés – so in etwa kann man sich Mariehamn vorstellen. Doch wer tiefer eintaucht, wird feststellen, dass die Hauptstadt der Åland-Inseln – einer autonomen Region Finnlands – viel mehr bietet, als man zunächst vermutet. Vor allem für Designfans. Ein Streifzug durch die wohl unbekannteste Hauptstadt Skandinaviens.

Mariehamn wurde nach Maria Alexandrowna benannt, der Gemahlin des Zaren Alexander II., der 1861 die Stadt gründete, als Finnland und Åland zum Russischen Kaiserreich gehörten. Die rechtwinklige Stadtanlage der Innenstadt geht auf einen Plan des Architekten G. T. Chiewitz von 1859 zurück. Ursprünglich sollte die Stadt auf Befehl des Zaren ausschließlich aus Steinbauten bestehen, doch bereits 1863 wurde hiervon Abstand genommen und die Errichtung von Holzhäusern gestattet. Die beiden repräsentativen Lindenalleen, die noch heute das Gesicht der Stadt prägen und ihr den Beinamen „Stadt der 1000 Linden“ einbrachten, wurden 1900 angelegt. Heute leben rund 11.000 Menschen in Mariehamn.

Die Torggatan im Zentrum Mariehamns ist die Haupteinkaufsstraße der Stadt. Hier finden sich noch viele schöne Läden und Restaurants. Starbucks, H&M und Co. sucht man vergeblich. Das wohl gemütlichste Café Mariehamns ist Bagarstugan, das in einem rot angestrichenen Holzhaus in der Ekonomigatan untergebracht ist. Das Café verfügt über zwei liebevoll eingerichtete Räume – ganz im Stil der alten Zeit, wunderschön. Das Beste an Bagarstugan ist – neben dem herzlichen Personal – die Tatsache, dass es hier den besten Ålands Pannkaka gibt, die åländische Spezialität schlechthin. Die Köstlichkeit erinnert ein wenig, wer´s kennt, an Aachener Reisfladen und wird traditionell mit Zwetschgen- oder Pflaumenmarmelade sowie Schlagsahne serviert.

Etwas versteckt im Hinterhof eines unscheinbaren Holzhauses befindet sich im Dachgeschoss der wohl originellste Modeladen Mariehamns: Labelled. Das Moderecyclingstudio und -geschäft wird von Linda Karlsson betrieben, die sich in London zur Modedesignerin ausbilden ließ. Alle Produkte – Kleider, Schuhe, Handtaschen, Handytaschen, Accessoires – sind aus recycelten Kleidungsstücken entstanden. „Ich mag die große Modeindustrie nicht besonders“, sagt Linda Karlsson. „Deswegen habe ich London verlassen und bin ich wieder nach Åland zurückgekehrt. Hier kann ich mich voll und ganz darauf konzentrieren, aus recycelten Materialien Mode für die Ewigkeit zu kreieren.“

Mode mit Pfiff, wenn auch eher für die etwas ältere Generation, gibt es bei Svalan. Designerin Gunvor Skogberg verwendet bei ihren Kreationen ausschließlich Biowolle und greift häufig auf traditionelle Strickmuster Ålands zurück.

Mariehamn ist keine große Stadt – und doch wartet sie architektonisch mit zahlreichen Highlights auf. Ein imposantes Bauwerk in der Innenstadt ist ohne Zweifel das Alandica Kongress- und Kulturzentrum. Das vom dänischen Architektenbüro Kjaer & Richter errichtete Gebäude sitzt auf einem leicht abfallenden Hang, unmittelbar in der Nähe des Westhafens von Mariehamn, und fügt sich geschickt in ihre Umgebung ein.

Zahlreiche Designer aus Åland waren an der Vollendung des Kulturzentrums beteiligt, darunter das åländische-britische Designerpaar Korpi & Gordon. „Alandica ist ein modernes und harmonisches Wahrzeichen in Mariehamn“, schwärmt Maria Korpi. „Durch die große Glasfront kann man hinausschauen auf die Marina und beobachten, wie Schiffe ein- und ausfahren. Die Farben der Außenfassade sind inspiriert von Granit, vom Meer und vom Gestein – Farben, die in Åland überall sichtbar sind.“

„Im Sommer verbringen wir viel Zeit auf Kökar, einer kleinen Insel des Åland-Archipels, wo Marias Mutter geboren und aufgewachsen ist“, fügt Adam Gordon hinzu. „Mit dem Boot fahren wir dann oft nach Källskär und anderen kleinen Inseln. Dieses Gefühl der Freiheit verspüre ich auch, wenn ich das Alandica-Gebäude betrete. Die Architektur ist weitläufig, man hat fast das Gefühl, als säße man in einem kleinen Boot inmitten der åländischen Insellandschaft.“

Baulich nicht minder interessant sind die 1989 nach Plänen von H. Stenius gebaute Bibliothek und der 1972/73 gebaute architektonische Dreiklang aus dem Hotel Arkipelag, dem åländischen Regierungsgebäude und des Nationalmuseums.

Kein Zweifel – das Seefahrerviertel ist einer der schönsten Quartiere von Mariehamn. Nussschalen aus Holz und aus Balken gezimmerte Bootshäuser spiegeln sich auf der Wasseroberfläche. Dazu gesellt sich der Duft von Salz, Meer und Teer. Im Seefahrerviertel werden auch heute noch alte Bootsbautraditionen gepflegt. Raubeinige Seemänner stehen Seite an Seite mit modernen Designern, Kunsthandwerkern und Restaurantbetreibern. Unbedingt einen Besuch wert ist der Kunsthandswerksladen Salt. Ein Handvoll åländischer Designer haben sich hier zusammengeschlossen und verkaufen Keramik, Textilien und sonstige Accessoires – alle natürlich mit einer typisch åländischen Handschrift.

Wer Modeschmuck mag, sollte im Seefahrerviertel auch bei Guldviva vorbeischauen. Das Unternehmen wurde 1989 von Goldschmiedmeisterin Maria Karlström gegründet. „Wir leben und arbeiten in Åland, die Natur und die Menschen um uns herum dienen als Inspirationsquelle“, sagt die Firmengründerin. „Zukunft und Vergangenheit inspirieren uns ebenso wie alle Farben und Formen auf Åland. Ein Guldviva-Schmuckstück zu tragen ist voller Natürlich- und Ursprünglichkeit. Das handgefertigte Design eines Guldviva-Schmuckstücks ist ebenso einzigartig, wie der Mensch, der es trägt.“

Etwas abseits, inmitten eines alten Industriegebiets, ist ein weiterer Kunsthandwerksladen beheimatet: Fabriksbutiken (www.fabriksbutiken.ax). Auch hier haben sich eine Handvoll ambitionierter Designerinnen und Kunsthandwerkerinnen zusammengetan und einen einzigartigen Raum für individuelle Glas-, Textil- und Holzarbeiten geschaffen.

Åland ist bekannt als Paradies für Radfahrer. Auch als Mariehamn-Tourist sollte man sich zwei bis drei Stunden Zeit nehmen, um die landschaftlich sehr reizvolle und unberührte Landschaft zu entdecken. Empfehlenswert ist folgende Route: Über den Ålandsvägen in der Innenstadt gelangt man direkt auf die Ausfallstraße Richtung Järsö. Wasser und Land wechseln sich auf dieser Strecke ständig ab, der Weg führt über die Inseln Styrsö, Granholm, Nåtö und Bergö. Ziel auf Järsö ist das idyllisch gelegene Café Stickstuga´n. Natürlich werden auch hier selbstgestrickte Pullover, Socken und Mützen angeboten, doch das wahre Highlight nach einer langen Radstrecke ist eine Tasse Kaffee und ein leckeres Stück Ålands Pannkaka mit Zwetschgenmarmelade und einer guten Portion Sahne.

Text und Fotos: Stephan Lücke


Über Stephan

Mit 15 stieß Stephan zufällig auf eine Broschüre über die Färöer-Inseln. Ein kurzes Herumblättern genügte, und es war um ihn geschehen. Neben den Färöern hat der 35-Jährige, der hauptberuflich als Redakteur in einem medizinischen Fachverlag arbeitet und früher mal Krankenpfleger war, auch eine ausgeprägte Faszination für die anderen nordischen Ländern, momentan besonders für Finnland.