„Äta – Sova – Dö“ – Gabriela Pichlers Film im Nordisk Panorama, Malmö


Bald ist Herbst. Die Nächte werden länger, die Tage erst bunter, dann grauer.

Pünktlich zum Start des bald gemütlichen (oder miesen) Wetters beginnt Ende der Woche das Nordic Short and Doc Film Festival Nordisk Panorama in Malmö – Zeit also, sich ein wenig genauer mit dem nordischen bzw. schwedischen Film zu beschäftigen.

Das Festival selbst ist noch relativ jung (25 Jahre) und zeigt Filmperlen aus den fünf nordischen Ländern. Dies bedeutet allerdings nicht, dass alles nur Schnee und Eis ist, denn woher die Regisseure stammen und welche Themen sie behandeln, ist vollkommen offen – Voraussetzung ist nur, dass die Filme im Norden gedreht und/oder (co-)produziert wurden.

Zunächst wechselten die Veranstaltungsorte von Reykjavik, über Bergen, Århus und Oulu schlussendlich in den südlichen Norden nach Malmö. Ob es an der breiten kreativen Szene, an den vielen interessierten jungen Menschen lag oder dann doch am milderen Wetter, ist unklar – jedoch blieb das Festival und findet nunmehr zum zweiten Mal in der südschwedischen Stadt statt.

Verwunderlich, wenn auch großartig ist die Auswahl der Retrospektive: Präsentiert werden die Arbeiten der schwedischen Regisseurin Gabriela Pichler, die bis jetzt erst vier Kurzfilme und einen Langspielfilm gedreht hat. Nichtsdestotrotz gilt sie wohl als aufgehender Stern des (dokumentarischen) Kinos in Schweden.

Von der Studentin zur mehrfacheN Filmpreisgewinnerin

Schon mit ihrem Abschlussfilm Skrapsår („Schürfwunden“) gewann sie 2010 den schwedischen Filmpreis guldbagge in der Kategorie „Bester Kurzfilm“.

Die 34-Jährige studierte sowohl an der Filmschule in Göteborg als auch an der Dokumentarfilmhochschule auf Öland und konnte mit ihrem ersten Langspielfilm Äta Sova Dö („Essen – Schlafen – Sterben“) zwei weitere guldbaggar mit nach Hause nehmen. Als Schwedin „mit Migrationshintergrund“ (Mutter Bosnierin, Vater Österreicher), wie man sie wohl in Deutschland bezeichnen würde, gibt sie in ihrem Film einen betörenden und scharfen Einblick in das heutige Schweden.

Präzise und direkt bricht sie mit den Kli­schee über Migranten in schwedischen Kommunen und erzählt eine Geschichte, wie sie so noch nie im schwedischen Kino zu sehen war; eine Geschichte, mit der sie sich selbst und wahrscheinlich viele junge Schwedinnen identifizieren können, wie Pichler meinte.

Raša, ist mit ihrer zupackenden Art allseits in ihrer Kommune beliebt, etwas plump, hat ein Herz aus Gold und kämpft in dem Film darum, in nun jenem Ort bleiben zu können – auch als sie ihren Job verliert und einen anderen zu bekommen nicht nur für sie selbst schlecht aussieht.

Wenn alle Ball spielen, wer soll dann arbeiten?“

Man bekommt zu sehen, dass sich nicht alle nach einem höherem Einkommen, schickeren Wohnungen und dem Stadtleben sehnen. Dass auch, sogenannte „einfache Arbeit“ identitätsstiftend sein kann und nicht jeder ein Hobby braucht.

Der Film besticht vor allem durch dessen Hauptdarstellerin, Nermina Lukač. Als Amateurschauspielerin gecastet, gewann sie ebenfalls einen guldbagge als beste Hauptdarstellerin und wird bald in einer anderen internationalen Filmproduktion, gedreht in Ystad, zu sehen sein.

 

Ich hatte die Möglichkeit den Film auf der Berlin Feminist Film Week zu sehen und kann ihn nur wärmstens empfehlen. Nicht nur, dass er gnadenlos mit jeglichen Schweden-Bullerbü-Pippi-Langstrump-Kli­schees aufräumt, sondern auch, weil er ebenso die Situation vieler Jugendlicher in Schweden aufzeigt. Kleinstadttristesse, Jugendarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit findet sich auch in der vermeintlichen kunterbunten schwedischen Gesellschaft.

Sehr gut getroffen, sind auch die gut gemeinten Workshops, Coachings und Gruppengespräche des Arbeitsamtes: Flexibel sollte man sein, ein interessantes Hobby angeben, und natürlich auch nach Fehlschlägen motiviert und positiv bleiben. Welches außergewöhnliche Hobby und welche persönliche Motivation für einen Job in einer Lebensmittelverpackungsfabrik allerdings von Vorteil ist – das wird der Film nicht verraten.

Kinostart war im März dieses Jahres.

Zur Zeit läuft der Film im Kinoklub am Hirschlachufer, Erfurt.


Über Marlene

Im Gegensatz zu Berlin, riecht es in der Ubahn in Stockholm nach Zimtschnecken. Ein Grund meine Wahlheimat zu verlassen und wieder gen Norden zu ziehen. Zur Zeit wohne ich in Malmö mit Sicht auf Kopenhagen und schreibe über Film, Musik und Kultur.