Nørds meet Florian von www.nordic-music.photography


Florian ist Photograph und seine Leidenschaft ist Island. Wir freuen uns, dass er uns so ausführlich Reden und Antwort gestanden hat. Außerdem plaudert er mit uns aus dem Nähkä… Kameratäschchen über die tollsten Begebenheiten der kleinen Insel im Atlantik und erklärt wieso dieses Eiland so prägend für seine Arbeit war und immer noch ist!


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Florian
Lieblingsland: Island
www.nordic-music.photography
www.facebook.de/trykowski.fotografie

Bitte gib eine kleine Kurzvorstellung von dir:
Florian: Ich bin selbstständiger Werbefotograf und arbeite vor allem in den Bereichen Produktdarstellung, Tourismus und Image/PR bzw. Reportage.
Neben meiner Arbeit in der Werbebranche bin ich nun seit ca. 5 Jahren in der künstlerischen Fotografie bzw. seit 4 Jahren in der Musik-/Konzertfotografie unterwegs. Beide Bereiche sind mir sehr ans Herz gewachsen, sodass ich ziemlich viel Zeit in die Organisation von Kunstausstellungen/–ausschreibungen, Kalender-/Postkartenprojekten sowie in diverse Konzerte und Festivals stecke. Vom 1.9.2014 bis zum 31.1.2015 ist meine Ísland Ausstellung in der Frauenklinik Erlangen (Universitätsstraße 21-23) zu sehen (24h geöffnet).

Du bezeichnest dich selbst als „Nørd“- also Nord-Freak. Wann hat deine Leidenschaft begonnen und warum? Und welches Land hat es dir besonders angetan?
Florian: Eigentlich schon mit ca. 14 Jahren, als ich mit meiner Mutter und meinem Bruder zum ersten Mal in Island war (Konfirmationsgeschenk :))
Und dann noch mal, und noch mal… und dann habe ich zum Glück meine ähnlich verrückte Freundin und später Frau kennengelernt, die dann praktischerweise bald einen Island-Flug gewonnen hat. Da sie Skandinavistik studiert hat und fließend Schwedisch spricht, fahren wir natürlich auch oft nach Schweden bzw. auch mal nach Norwegen, aber Island hat’s uns definitiv am meisten angetan. In Spitzenzeiten haben wir’s drei mal in einem Jahr hoch geschafft, momentan versuchen wir, zumindest einmal im Jahr dort zu sein, um unsere „Sucht“ auszuleben. Nach und nach haben wir nun alle Landesteile bereist, haben außer den üblichen Sehenswürdigkeiten auch wesentlich weniger überlaufene Plätze kennengelernt (die werden aber momentan rar – Island ist in…), haben unsere eigenen, unbekannten Orte gefunden, die nicht im Reiseführer stehen und die wir auch niemals verraten würden, haben unsere Verlobung und ein Jahr später unsere Hochzeit mit Champagner aus Campingblechtassen und Hotdogs von der Tankstelle gefeiert. Und je öfter man dort oben ist, je näher man dem Land und seinen Bewohnern kommt, desto größer wird nach jedem Aufenthalt das Fernweh; der Wunsch, zurückzukehren und die Sehnsucht nach Weite.

Was denkst du fasziniert Menschen an Island und dem Norden und wie zeigt sich das in deinen Bildern?
Florian: 
Bei einer Bevölkerungsdichte von 3 Menschen pro Quadratkilometer (im Vergleich dazu hat Deutschland übrigens 228) ist der Mensch in Island ja eigentlich nur Nebendarsteller. Tatsächlich gibt es mehr Schafe als Menschen in Island, darum habe ich auch mehr Bilder von Schafen als von Menschen… Mehr als ein Drittel der Bevölkerung Islands lebt in der Hauptstadt Reykjavík, der Rest ist auf 100.000 Quadratkilometer Landfläche verteilt. Ein Großteil des Landes ist also quasi leer, und manchmal sieht man auf dutzenden Kilometern, über Stunden hinweg, keine Spuren menschlichen Lebens. Es geht mir deshalb bei der fotografischen Bearbeitung Islands auch überhaupt nicht darum, den Menschen an sich zu zeigen. Er darf ruhig am Rande vorkommen, z.B. in Form der Spuren, die er hinterlassen hat. Er ist aber hier oben nun mal eine Randerscheinung, davon könnten die ersten Siedler sicherlich ein Lied singen – es war und ist eben ein unwirtliches Land, in dem der Kampf gegen die Naturgewalten tagtäglich alles bestimmt. So müssen sich die Zeugen der Zivilisation, die ich abbilde – die Leuchttürme, Gebäude, Schiffe, Behausungen – in meinen Aufnahmen ebenso mit der Natur messen wie in der Realität. Die letzte Wildnis Europas und die einsamste Gegend, die ich je kennengelernt habe, liegt im Nordwesten Islands, auf der Halbinsel Hornstrandir.
Man fährt mit einem umgebauten Fischerboot von der 50 Kilometer entfernten Stadt Ísafjörður in eine Bucht, lässt sich per Schlauchboot an den Strand bringen, und wenn das Boot dann hinter den Bergen verschwunden ist und man irgendwo im Nirgendwo steht und weiß, dass das Boot erst 4 Tage später wieder in einer anderen Bucht auf der anderen Seite der Halbinsel anlegt, DANN fühlt man sich sehr, sehr klein – aber ziemlich frei.
Genau dieses Gefühl der Grenzenlosigkeit und Freiheit, diese „Erdung“ und das „zurechtrücken“ von Bedürfnissen und Gedanken empfindet man eigentlich überall in Island. Und genau das versuche ich in meinen Bildern auszudrücken und den Betrachter dorthin mitzunehmen.

Hat deine Leidenschaft für den Norden deine Arbeit als professioneller Fotograf beeinflusst? Was fotografierst du am liebsten (wenn du mal im Norden bist)?
Florian: Meine Nordleidenschaft hat etliche Bereiche meiner Arbeit auf jeden Fall stark beeinflusst bzw. erst begründet und weiter geformt. Das hat schon während meiner Ausbildung angefangen, in der ich verschiedene Themen für das Berichtsheft, das die Zulassung zur Abschlussprüfung darstellt, abarbeiten musste. Ein großer Teil meines Berichtshefts ist auf Island entstanden, Landschaft, Architektur, Serien… Alles „nordisch geprägt“. Das Ergebnis kam gut an, die Prüfung war bestanden und so war ich also offiziell Werbefotograf. Kurz darauf habe ich mich selbstständig gemacht, meine ersten Kalender selbst produziert und vertrieben, auch mit einem Verlag kooperiert und jedes Jahr weiter an meinem Portfolio gearbeitet.
Für die Zukunft stehen spannende Projekte an, die Kalender für die nächsten zwei Jahre sind schon so gut wie gesichert… Ich denke, ich habe das „Landschaft fotografieren“ erst so richtig im Norden gelernt – der Anreiz dort ist einfach wahnsinnig hoch: Das Licht ändert sich alle paar Minuten, die Luft ist klarer, der Blick reicht meistens bis zum Horizont und alles wirkt irgendwie weiter und grenzenloser als bei uns. Dazu hat sich meine Arbeitsweise dort deutlich weiterentwickelt: Da wir so gut wie nie im Hotel, sondern meist im Zelt oder VW-Bus unterwegs sind und oft nur kurz an einem Ort bleiben, habe ich schnell gelernt, Motive auch bei widrigen Umständen zu fotografieren – wenn man am Wasserfall / Strand / Küstenabschnitt steht und der Sturm den Regen horizontal auf das Objektiv prasseln lässt, findet sich trotzdem mit Sicherheit irgendwie eine Möglichkeit, gerade diese Stimmung aufs Bild zu bekommen. Ich glaube, dass sich dieses „Durchkämpfen“ und das aus allen Gegebenheiten das Beste machen zu wollen nun auch bei meinen Aufträgen in Deutschland auszahlt. Ganz davon abgesehen, dass ich etliche Motive z.B. aus Island zur Akquise verwende und viele Jobs, besonders in der Tourismusbranche, erst dadurch erhalten habe.
Auf unseren Reisen haben wir auch die isländische Musik kennengelernt, ebenso die Isländer selbst, unübersehbar natürlich auch ihre Art zu feiern und ihre Kultur, die so viel freier und irgendwie uneingeschränkt zu sein scheint. Ich erinnere mich genau an meine erste fotografische Begegnung mit der isländischen Musik: Bei der Kulturnacht 2010 in Reykjavík haben zwei DJs von einem Hausbalkon über der Haupteinkaufsstraße, dem Laugavegur, die Passanten unterhalten. Eigentlich wollte ich nur an der Tür klingeln, um zu versuchen, von den beiden irgendwie ein Foto auf dem Balkon zu machen – landete aber binnen Minuten in einer Künstler-WG mit offenen Türen und zahlreichen Menschen, die sich alle wunderten, warum ich überhaupt frage, ob ich quer durch ihr Haus in den zweiten Stock marschieren darf – als sei das nicht das Normalste überhaupt. Dieser Einstieg in die isländische Musikszene hat mir imponiert und sehr gut gefallen – und dieser tolerante und warmherzige Eindruck hat sich in den folgenden Jahren, in denen ich so viele isländische Bands wie nur irgendwie möglich fotografiert habe, bestätigt. Daraus entstanden sind zahlreiche Bandfotos, unzählige Konzerte, eine Tourbegleitung sowie viele persönliche Freundschaften mit Bands und Musikern. Die logische Konsequenz war dann das Iceland Airwaves Festival, das ich in diesem Jahr nun zum vierten Mal besuche und das für isländische Bands das Highlight des Jahres ist. 
Mit Eva-Maria vom Polarblog habe ich dort nun schon mehrere Reportagen für Magazine verfasst (die nächste wird Ende September erhältlich sein – mehr wird noch nicht verraten), sowie diverse Interviews und Fotoshootings organisiert.
In diesem Jahr habe ich meine Aktivitäten auch auf internationale Bands ausgeweitet und war zum ersten Mal beim wunderbaren Taubertal-Festival in Rothenburg ob der Tauber Teil des offiziellen social media & PR Foto-/Videoteams – all dies wäre ohne die isländischen Künstler, die mir und meiner Arbeit von Anfang an vertraut und mich so nahe an sich heran gelassen haben, nicht möglich gewesen.

Was ist das Erste was du machen musst, wenn du in Reykjavík ankommst?
Florian: In der Vitabar ein Beer & Cheeseburger Menu essen oder die Lobster-Soup im Seabaron.
Und dann am Hafen auf den Anleger zwischen den Fischerbooten gehen und zum Konzertzentrum Harpa hinüberschauen.
Mindestens einmal auf dem Heißwasserspeicher Perlan ein Eis essen. Und mindestens einmal in die Hallgrimskirkja gehen. Definitiv einen halben Tag lang auf dem abgewetzten Sofa im 12 Tónar sitzen, mich vom Chef mit perfektem Espresso verwöhnen lassen, dabei seinen Empfehlungen der neuesten isländischen Musik auf alten Discmen lauschen und dann furchtbar viel Geld dafür ausgeben. Am Samstag Nachmittag über den Laugavegur schlendern und mich freuen, dass ich die ganzen Touri-Andenken nicht mehr brauche.
Am Sonntag Früh zwischen 1 und 3 Uhr den Laugavegur rauf und runter laufen, die Energie dieser pulsierenden Stadt genießen und einfach nur staunen.
Falls Airwaves ist: mein Armbändchen in der Harpa abholen, mich über die jedes Jahr gleich bleibende, irgendwie verrückte Festivalfamilie freuen und die altbekannten Gesichter begrüßen.

Als letztes natürlich die Frage: Was ist das Wort oder die Phrase in deiner liebsten Nordischen Sprache, die jeder wissen sollte?
Florian: Das kann ich hier alles nicht sagen – die meisten Brocken, die ich kann, sind isländisch, aber die isländischen Bands bringen mir nur Quatsch bei.
Doch halt! Zumindest einen für uns doch sehr typischen schwedischen Satz habe ich von meiner Frau gelernt:
„Vi måste stoppa ofta, eftersom jag vill ta så många foton“, was so viel wie „Wir müssen oft anhalten, weil ich so viele Fotos machen will“ bedeutet. Erklärt auf recht beeindruckend ungeschminkte Art und Weise, wie unsere Reisen in den Norden aussehen…

Þakka þér fyrir, Florian!


Über Tine

Admin & Wort-Tonttu | Schwerpunkt: Design, Musik, Film | Lieblingsland: Finnland Das Blog soll allen Nord-Freaks da draußen eine Plattform geben, das Nordweh zu teilen. Ich kuratiere und administriere die Website und freue mich über jeden der mitmachen möchte! Mein Lieblingsland is übrigens Finnland! ;)


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