Nordische Filmtage Lübeck


Jedes Jahr erfreuen sich die Nordischen Filmtage Lübeck großer Begeisterung des Publikums. Jedes Jahr steht unter einem bestimmten Motto. In diesem Jahr werden die 56. Filmtage vom  29.10. – 02.11.2014 stattfinden.

Dieser Artikel ist bereits in der Ausgabe #2 des Nørdhæftii erschienen.
Die volle Ausgabe #1 und #2 kann man hier bestellen: HIER!


 

nfl_logo_2012_gross_ohne_datumSeit 1956 finden jedes Jahr in Lübeck die Nordischen Filmtage statt. Bis heute ist das Filmfestival einzigartig in Deutschland und Europa, da es ausschließlich Filme aus Nordeuropa zeigt. Der Norden, das ist nicht nur Skandinavien und Finnland, sondern auch Estland, Litauen und Lettland. Gezeigt werden neben Spielfilmen auch Kurzfilme, Dokus und eine Retrospektive, die jedes Jahr ein bestimmtes Themengebiet behandelt, beispielsweise Filmgenres oder Persönlichkeiten.
Dieses Jahr (Anm. d. Red.: 2012) trifft das Thema mehr als perfekt meinen Geschmack: Nordischer Grusel und Horror. Passenderweise startet das Filmfestival am 31. Oktober.
Frau Linde Fröhlich, Künstlerische Leiterin der Nordischen Filmtage Lübeck, hat uns ein paar Fragen zu den Filmtagen beantwortet.

Auf welche Filme dürfen sich Zuschauer in diesem Jahr besonders freuen?
Linde: Die 54. Nordischen Filmtage Lübeck präsentieren die filmischen Highlights des Jahres aus den skandinavischen und baltischen Ländern sowie aus Norddeutschland in den verschiedenen Genres: Spielfilme, Dokumentar- und Kurzfilme und ein umfangreiches Programm für junge Zuschauer. Die meisten Filme sind deutsche Premieren, einige sind selbst in ihren Heimatländern noch nicht im Kino angelaufen. Neben den brandaktuellen Filmen gibt es die Retrospektive mit dem Titel „Das kalte Grauen – Grusel und Schauder im skandinavischen Kino 1921 – 2011“ und eine Reihe zu „100 Jahre Estnischer Film“. Ein Jubiläum gibt es auch in der norddeutschen Sektion des Festivals: Das Filmforum findet zum 25. Mal statt und bietet einige besondere Events. Das genaue Festivalprogramm geben wir bei der Pressekonferenz am 9. Oktober bekannt, danach ist es auf unserer Website www.filmtage.luebeck.de einzusehen.

Was ist dieses Jahr neu bei den Filmtagen?
Linde: Zusammen mit dem Filmfestival Bergen und mit Unterstützung der norwegisch-deutschen Willy-Brandt-Stiftung haben wir das Projekt „Junge Videojournalisten“ ins Leben gerufen, bei dem junge Leute aus beiden Städten gemeinsam die Festivals mit der Videokamera begleiten und Dokumentarfilme erstellen. Diese Initiative ergänzt das Projekt „Junge Filmjournalisten“, das wir schon seit mehreren Jahren für Jugendliche anbieten, die Filmkritiken schreiben und Interviews führen, die auf unserer Website veröffentlicht werden. Außerdem gibt es in diesem Jahr die Festivalbox, die im Kino aufgestellt ist. Man kann sich hineinsetzen wie in einen Fotoautomaten und vor einer Kamera seine Meinungen und Eindrücke vom Festival abgeben.

Dieses Mal findet eine Retrospektive zum Thema „Das kalte Grauen – Grusel und Schauder im skandinavischen Kino 1921 – 2011“ statt. Welche Filme werden gezeigt und was unterscheidet den skandinavischen Horror von anderen?
Linde: Das diesjährige Festival wird am 31. Oktober, also zu Halloween, eröffnet. Da bot sich das Thema an. Außerdem müssen sich Länder, die zu großen Teilen des Jahres im Dunkel liegen und viele Wälder aufweisen, zwangsläufig mit Grusel und Schauer auseinandersetzen. So gab es von Anbeginn der Filmgeschichte bis heute aus Skandinavien immer wieder Gruselfilme oder Thriller. Auch die großen Regisseure des skandinavischen Kinos haben sich damit auseinandergesetzt. So zeigen wir Carl Theodor Dreyers Film Vampyr von 1932, Ingmar Bergmans Die Stunde des Wolfs von 1966 und Lars von Triers Hospital der Geister von 1994. Aus Finnland kommt Das weiße Rentier (1952), aus Norwegen Der Totenteich (1958) und aus Island Schatten aus dem Jenseits (1983). Daneben gibt es moderne Genrefilme wie Tomas Alfredsons So finster die Nacht (2008) nach dem Kultroman von Jon Ajvide Lindqvist, den norwegischen Mockumentary Trollhunter (2010) und den dänischen Thriller Cecilie. Besondere Leckerbissen sind der schwedische Stummfilm Häxan (Hexen) von Benjamin Christensen aus dem Jahr 1922, den das Hamburger Gitarrenorchester Gilbert Couché musikalisch begleiten wird, sowie der deutsche Stummfilmklassiker Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens von Friedrich Wilhelm Murnau aus dem Jahr 1922, der von Studierenden der Musikhochschule Lübeck musikalisch neu interpretiert wird. Diese beiden Filmkonzerte präsentieren wir in Lübecker Kirchen.

Warum eigentlich nordische Filme oder anders gefragt: Was macht den nordischen Film so interessant?
Linde: Lübeck war in seiner Geschichte immer auf den Norden ausgerichtet, und die Nordischen Filmtage wurden in den 1950er Jahren vom Filmclub Lübeck ins Leben gerufen, weil man nach dem Zweiten Weltkrieg wieder an die kulturellen Beziehungen zu Skandinavien anknüpfen wollte. Später kamen die baltischen Staaten und (im Filmforum) Filme aus Norddeutschland hinzu. Es geht dem Festival um die kulturelle Verständigung im Ostseeraum, wobei natürlich Norwegen, Island und auch die Färöer einbezogen sind. Es handelt sich um vergleichsweise kleine Staaten und Sprachen; Schweden, das größte der Länder, hat 9 Millionen Einwohner, Island gerade einmal 300.000. Trotzdem haben alle Länder eine ungeheuer produktive Filmindustrie, die sich durch große Kreativität und Vielfalt auszeichnet. Alle Genres sind vertreten: Drama, Thriller und Komödie sowie – und das ist eine nordische Spezialität – Kinder- und Jugendfilme, die von der Lebenssituation junger Menschen ausgehen und ihre Träume und Probleme ernst nehmen. Es gibt tolle Regisseurinnen und Regisseure, die zu den ganz Großen des europäischen Kinos gehören, wie Lars von Trier, Aki Kaurismäki oder Jan Troell, aber auch Thomas Vinterberg, Susanne Bier, Hans Petter Moland, Baltasar Kormákur, Aku Louhimies etc. und jedes Jahr kommen tolle Debütanten hinzu. Es gehen auch immer wieder filmische Neuerungen vom Norden aus, wie Dogma 95, und in der letzten Zeit im Bereich von Krimis und Fernsehserien.

Laufen die Filme auch in Originalsprache oder nur synchronisiert?
Linde: Die Filme laufen bei den Nordischen Filmtagen Lübeck grundsätzlich in der Originalsprache, mit englischen oder deutschen Untertiteln. Im Kinderprogramm werden die Dialoge von einem Sprecher, der im Kinosaal sitzt, live eingesprochen. Synchronisierte Fassungen zeigen wir nur in ganz seltenen Ausnahmefällen, z.B. wenn ein wichtiger Film in einer Retrospektive nur noch in deutscher Fassung erhältlich ist. Die Filme, die wir im aktuellen Programm präsentieren sind in der Regel so neu, dass sie noch gar nicht nach Deutschland verkauft und synchronisiert sind. Vor allem aber wollen wir mit den Filmen auch nordische Sprachen und Kultur vermitteln. Außerdem sind wir ein internationales Festival, und unsere Gäste aus den skandinavischen und baltischen Ländern wollen die Filme ja auch verstehen.

Was bekommt der Zuschauer sonst noch geboten?
Linde: Was Filmfestivals vom „normalen“ Kinobetrieb unterscheidet, ist, dass die Filmemacher eingeladen sind. In Lübeck laufen sie aber nicht nur über den roten Teppich, sondern sie sind im Kino zugegen, stellen ihre Filme persönlich vor, diskutieren mit dem Publikum und sehen sich auch Filme ihrer Kollegen aus den anderen nordischen Ländern an. Es kann also passieren, dass man im Kino neben dem Regisseur des Films sitzt, den man am Abend zuvor angeschaut hat. Außerdem gibt es eine Festivalparty, zu der auch das Publikum eingeladen ist. In diesem Jahr steht sie unter dem Motto „25 Jahre Filmforum“ und wir erwarten besonders viele Filmemacher aus Norddeutschland.

(Julia Reck)