Nørds meet Martti vom Kioski


Dieser Artikel ist bereits in der Ausgabe #2 des Nørdhæftii erschienen.
Die volle Ausgabe #1 und #2 kann man hier bestellen: HIER!


KIOSKI –
Der einzige finnische Plattenladen südlich der Ostsee

Als wir spontan auf ein Überraschungskonzert gingen, von dem wir erst ein paar Tage vorher Wind bekommen hatten, wussten wir noch nicht, dass wir deswegen nur wenige Wochen später live im Radio sein würden. Der Live-Gig fand in einem finnischen Plattenladen in Fürth statt. Wir kannten den Kioski schon länger und wollten Martti, dem Besitzer, eigentlich nur von unserem Nørdhæftii erzählen und ihn um ein Interview bitten.

Wir verbrachten einen schönen gemütlichen Abend mit Live-Musik wie fast schon im eigenen Wohnzimmer – auch wenn wider Erwarten keine finnische Band gespielt hat, sondern ein Duo aus Großbritannien und ein deutscher Singer/Songwriter. Das hat der Stimmung allerdings keinen Abbruch getan. Als wir danach mit Martti ins Gespräch kamen, war er sofort von der Idee des Heftes begeistert – so sehr, dass er uns gleich in seine Radiosendung Radio Suomi einlud. Zum Glück hatten wir kaum Zeit, deshalb nervös zu werden, denn die nächste Sendung war nur wenige Wochen danach.
An einem Mittwoch Abend saßen wir dann zu dritt mit Martti im Studio von Radio Z. All die Aufregung war unbegründet, denn wir hatten viel Spaß. Wir durften sogar einige Lieder von Bands spielen, die wir in der Ausgabe #1 hatten.

Jetzt können wir uns revanchieren und bringen hier unser Interview mit Martti vom Kioski. Wir haben ihm ein paar Fragen gestellt, die Martti trotz seines vollgepackten Zeitplans als Ladenbesitzer, Musiker, Radiomoderator und Musikverleger wunderbar beantwortet hat. Was er genau macht, hat er uns im Interview erzählt.


 

Martti „Mäkkelä“ Trillitzsch

sein Laden: Kioski, Nürnbergerstr. 3 in Fürth | www.kioski.de (auch Onlineshop) | www.facebook.com/Kioski.Recordstore
sein Label:  Humppa Records, TUG Records & 9pm Records
seine Musik: Mäkkelä’s Trash Lounge, Mäkkelä & Nova, Church of the Blue Nun
seine Sendung: „Radio Suomi“ auf Radio Z (jeden ersten Mittwoch im Monat), auch über Stream verfügbar. www.radio-z.net


 

Wie kamst du zum Kioski und wie lang gibt es ihn schon?
Martti: Den Laden gibt es seit 2002, also mittlerweile [über] 10 Jahre. Der Kioski war ursprünglich eigentlich nur ein Versuch, das Sortiment unseres Onlineshops auch mal „in echt“ anzubieten. Dass sich daraus ein zehnjähriges Experiment zur Finnlandisierung Frankens entwickeln würde, war nicht wirklich abzusehen.

Was genau gibt es im Kioski zu kaufen? Was gefällt Dir persönlich am besten? Was ist der ultimative Geheimtipp?
Martti: Von anfangs ausschließlich CDs bis heute hat sich da natürlich einiges verändert. Grundsätzlich versuche ich einfach mal das, was mir persönlich in und an Finnland am Herzen liegt anzubieten. Das sind natürlich finnische Tonträger – meistens eher abseits des Mainstream – aber eben auch finnische Design-Artikel kleiner Indie-Firmen, Marimekko- und Mumin-Artikel, das Mölkky-Spiel, aber ab und an eben auch so Sachen wie Teer-Shampoo.
Mein aktueller Geheimtipp sind die Veröffentlichungen von Helmi Levyt. Eines der momentan aufregendsten finnischen Labels.

Das hört sich ja doch nach eher spezieller Ware an. Was für Leute kaufen bei Dir ein? Kommen dann auch viele Skandinavier bzw. Finnen?
Martti: Es kommen natürlich schon eher Deutsche in den Laden. Die finnische Community im Großraum Nürnberg ist eben doch ziemlich überschaubar. Aber natürlich tauchen die auch ab und an mal auf. Insgesamt, würd ich sagen, ist die Klientel sehr, sehr gemischt. Also wirklich quer durch alle Altersgruppen.

Mit welchen Erwartungen hast du mit Kioski angefangen und haben sich diese erfüllt?
Martti: Ich hatte anfangs tatsächlich keine Erwartungen. Vielleicht noch am ehesten, dass sich auch mal Leute aus purer Neugier in den Kioski verirren und hinterher glücklich sind, etwas Außergewöhnliches entdeckt zu haben. So gesehen hat sich das mehr als erfüllt.

Du bist ja selbst… ja, was eigentlich? Finnischer Deutscher oder deutscher Finne? Als was siehst du dich selbst – Finnisch oder Deutsch? Wo fühlst du dich mehr Zuhause?
Martti: Das ist schwer zu sagen. Ich mag Franken schon sehr, vielleicht auch weil ich hier so lange lebe. Finnland sehe ich so 2-3 Mal jährlich und dort anzukommen ist auch ein ganzes Stück wie nach Hause kommen. Allerdings könnte ich in Finnland relativ sicher nicht so vergleichsweise problemlos leben wie hier. Als Musiker, Betreiber eines Plattenladens und Labels ist das hier schon allein aufgrund der niedrigeren Lebenshaltungskosten ja fast schon paradiesisch zu nennen. Betonung auf „fast“. Das würde in Finnland nicht so funktionieren. Da ich weder hier noch dort geboren bin, ist das alles nochmal komplizierter. Vermutlich bin ich insgesamt am ehesten noch ein Europäer mit zwei Staatsbürgerschaften.

Dann kannst Du uns vielleicht umso besser sagen: Was unterscheidet Deutsche von Finnen? Und siehst Du Unterschiede zwischen Finnen und Skandinaviern?
Martti: Es mag ein Klischee sein, aber das sprichwörtliche „Sisu“ spielt schon eine große Rolle. Dieser Wille oder Spirit irgendetwas unbedingt schaffen zu wollen. Eine Eigenschaft, die gerade viele finnische Bands auszeichnet. Grundsätzlich finde ich Finnen allein aufgrund der Sprache schon sehr unterschiedlich zum Rest Skandinaviens. Allerdings gibt es sowohl bei Finnen wie auch bei Deutschen schon einige sehr anstrengende Wesenszüge. Überzogener Patriotismus ist einer den sie gemeinsam haben.

Du hast ja gerade schon erwähnt, dass Du neben einem eigenen Plattenladen und Label auch selbst Musiker bist. Welche Musik machst Du? Wie würdest Du Deinen Stil beschreiben und wo kann man Dich spielen hören?
Martti: Im Grunde genommen bin ich ein Songwriter, der vorwiegend auf Englisch singt. Ich beobachte, was um mich herum passiert oder mich selber und schreibe darüber. Oft verschlüsselt, wenn’s mir zu nah geht. Das ist vielleicht am ehesten wie Polaroids machen oder Kurzgeschichten schreiben. Es ist eine etwas unkontrollierte Sache…die Songs kommen einfach raus und ich versuche das, was da kommt formal ins Format „Song“ zu kanalisieren. Das gelingt mir nach all den Tour-Jahren mittlerweile ganz gut. Wenn auch noch viel Luft nach oben ist. Wegen Konzerten einfach mal auf meine Facebook Seite oder Gruppe gehen und nach den Terminen sehen. Das geht von Kulturzentren über schäbige Bars bis zu den üblichen Rock-Clubs.

Welche Sprache ist für Dich leichter zu singen/sprechen?
Martti: Sicher Englisch. Das vereinfachte für mich natürlich auch das häufige Touren im Ausland. Deutsch oder Finnisch limitiert die Sache doch schon sehr, zumal ich eigentlich schon gern möchte, dass man meine Texte versteht. Ich bin ja in Papua Neuguinea geboren und da gehörte Englisch auch mit zu den ersten Eindrücken, die ich mitbekam. So gesehen fiel es mir nie besonders schwer mich trotz meiner eher deutschen Erziehung damit auszudrücken. Mein Finnisch ist schlicht nicht gut genug, um damit ernsthaft gute Texte zu schreiben. Da liegt die Messlatte auch sehr hoch, wenn ich mir Leute wie Tuomari Nurmio ansehe.

Nochmal ein anderes Thema: Wie kamst du denn eigentlich zu deiner Radiosendung „Radio Suomi“ auf dem Lokalsender Radio Z und wie läuft die ab?
Martti: Die von Radio Z haben gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, einen gerade freigewordenen Sendeplatz mit einer Sendung mit Musik aus Finnland und Skandinavien zu füllen. Konnte ich mir vorstellen. Schon seit über einem Jahr mittlerweile jeden ersten Mittwoch im Monat…

Das sind ja schon einige Baustellen… und was tust du sonst noch, damit mehr Finnisches nach Deutschland kommt? Was ist dir dabei wichtig?
Martti: Einmal jährlich veranstalte ich im Babylon (Anm. d. Red.: Kino neben dem Kioski) die mittlerweile ganz gut laufende Suomi-Disko. Das ist immer an Vapunaatto, dem Vorabend vom 1. Mai. Außerdem versuche ich finnische Bands für Unplugged Gigs in den Kioski zu holen, wenn sie einen Off-day auf Tour haben und in der Nähe sind. Ausstellungen gab’s auch schon etliche mit finnischen Künstlern oder mit Finnland-Bezug. Mir ist vor allem wichtig, dass es Themen und Events sind, bei denen die Charaktereigenschaften der Finnen/des Finnischen zu erkennen sind. Ich habe so gesehen zum Beispiel lieber Tomi Riihonheimo, den Eläkeläiset-Zeichner für eine Ausstellung hier, als ein unplugged Konzert von H.I.M. Bei Lordi würd ichs mir vielleicht überlegen…

…und zu guter letzt: Welches finnische Wort/welchen Satz sollte man als Nicht-Finne unbedingt können?
Martti: Iso tuoppi. Sag das an einem Tresen und du wirst zumindest nicht verdursten oder zu lange nüchtern bleiben.

Kiitos, Martti!

Christine Birkel / Julia Reck


Über Tine

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