„Uns gibt es doch!“ – Faroe Pride 2013


Im Sommer 2013 demonstrierten in Tórshavn erneut mehr als 5000 Menschen für Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben mit Heterosexuellen. Die einst homophoben Färinger verändern sich.

„Uns gibt es doch!“ – Dieser Slogan in Großbuchstaben fiel sofort ins Auge. Dazu Porträts von jungen Männern und Frauen, die sich zur ihrer Homo-, Bi- oder Transsexualität bekannten. „Wir sind Färinger, wir lieben Färinger, wir lieben unser Land – deswegen werden wir für immer hierbleiben“, hieß es im Kleingedruckten. Was sich hierzulande banal, gar naiv anhört, sorgte auf den Färöern, einer auf halbem Weg zwischen Island und Schottland inmitten des Nordatlantiks gelegenen Inselgruppe, 2011 für mächtig Aufsehen. Die gewagte Zeitungskampagne war die erste Aktion der kurz zuvor gegründeten färöischen Schwulen-und-Lesben-Organisation LGBT Føroyar, die sich fortan mit viel Mut und Tatkraft für die Rechte von Homosexuellen einsetzte.

Die Existenz eines solchen Vereins wäre einige Jahre zuvor noch undenkbar gewesen. Wegen der aggressiven Stimmung flohen Hunderte von Schwulen und Lesben bis vor nicht allzu langer nach Dänemark. Die in der mehrheitlich christlich-konservativ geprägten Bevölkerung tief verankerte Homophobie trat zuletzt in den Jahren 2005 und 2006 offen zu Tage – einer Zeit, in der auf den Färöern die Aufnahme des Schutzes Homosexueller in die Verfassung debattiert wurde. Ein entsprechender Gesetzesentwurf war im Herbst 2005 im Løgting gescheitert. Viele Abgeordnete gaben religiöse Gründe für ihre ablehnende Haltung an. Umfragen zeigten, dass die Mehrheit der Färinger hinter den Gegnern stand. Höhepunkt des Aufruhrs war ein gewalttätiger Übergriff auf Rasmus Rasmussen, einen färöischen Rockmusiker und bekennenden Homosexuellen, der im Herbst 2006 in einer Tórshavner Bar krankenhausreif geprügelt und anschließend mit dem Tode bedroht wurde. Während des gewalttätigen Übergriffs musste er sich zudem wüsten Beschimpfungen einer aufgebrachten Meute aussetzen und nach einem längeren Krankenhausaufenthalt in psychologische Behandlung geben.

Unter dem Druck der internationalen Negativpresse – der Spiegel berichtete etwa von einer „Hetzjagd auf den Färöern“ – wurde der gleiche Gesetzesentwurf, der im Vorjahr noch gescheitert war, im Dezember 2006 erneut ins Parlament eingebracht. Die Mehrheit der Abgeordneten, wenn auch knapp, stimmte dieses Mal für die Aufnahme des Schutzes Schwuler und Lesben ins Strafgesetzbuch. Die Färöer waren somit das letzte Land Skandinaviens, das Homosexuelle gesetzlich vor Schikane schützt. Das Jahr zwischen beiden Abstimmungen war von einer teils polemisch geführten öffentlichen Debatte um das Für und Wider des Homosexuellenschutzes geprägt. Am meisten Aufmerksamkeit erlangte ein Leserbrief von Mogens Tilsted Christensen, Pfarrers aus Hvalvík, der in der konservativen Zeitung Dimmalæting abgedruckt wurde. Dort stellte er einen deutlichen Zusammenhang zwischen Homosexualität und Pädophilie her und forderte ein Berufsverbot für homosexuelle Pädagogen: Kinder würden bei schwulen oder lesbischen Erziehern und Lehrern „Wahneinflüssen“ ausgesetzt, anstelle von „Gottes gesunden und vernünftigen Belehrungen darüber, dass Sexualität in die Ehe zwischen Mann und Frau“ gehöre.

Polemik hin oder her: Die Aktivisten des LGBT Føroyar werten die Gesetzesänderung 2006 rückblickend als wichtiges politisches Signal. „Der Anfang war gemacht“, sagt Eiler Fagraklett, Vorstandsmitglied der Schwulen-und-Lesben-Organisation. „Plötzlich waren wir nicht mehr gezwungen, uns im Ausland ein neues Zuhause zu suchen.“ Zweiter Meilenstein der färöischen Schwulenbewegung war zweifelsohne der Faroe Pride 2012. Das Land hatte sowas bis dato nicht gesehen: Ein nicht enden wollender Menschenstrom mit zahllosen Regenbogenflaggen und bunt gestalteten Transparenten marschierte mitten durch das Zentrum der beschaulichen Inselhauptstadt, die gerade einmal 15.000 Einwohner zählt. Bei strahlendem Sonnenschein, lauter Partymusik und ausgelassener Stimmung demonstrierten mehr als 5000 Menschen gegen Schwulenfeindlichkeit und Diskriminierung. Das sind mehr als zehn Prozent der Gesamtbevölkerung. Spätestens bei der Abschlusskundgebung im Zentrum Tórshavns war klar: Die Färöer-Inseln haben an ihre nordischen Nachbarländer in Sachen Toleranz endlich Anschluss gefunden. 



Wenn sich Eiler heute Fotos dieses Tages auf seinem iPad ansieht, zaubert es ihm sofort ein breites Grinsen ins Gesicht. „Das war mit Abstand der schönste Tag meines Lebens“, schwärmt der 33-Jährige. „Niemals hätten wir gedacht, dass sich so viele Leute mit uns solidarisieren. Wir hatten eigentlich nur mit ein paar hundert Teilnehmern gerechnet.“ Mitstreiter Mike Viderø, der auf den Färöern als Musicaldarsteller arbeitet, pflichtet ihm bei: „Die Stimmung in unserem Land hat sich innerhalb weniger Jahre komplett verändert – was noch vor nicht allzu langer Zeit total verpönt war, ist gesellschaftsfähig geworden.“ 

Einmal im Monat trifft sich die schwul-lesbische Community der Färöer in der angesagten Bar Sirkus, die mitten im Hafenviertel Vágsbotn. An diesem Mittwochabend im März geht es bei der sogenannten Out-Night besonders ausgelassen und feucht-fröhlich zu. Der Grund: Die Oppositionsparteien des Løgtings hatten am Vortag ein Gesetzgebungsverfahren ins Parlament eingebracht, das gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften der traditionellen Ehe rechtlich gleichstellen soll. „Es geht weiter – das wollen wir ausgiebig feiern“, sagt Mike und stößt mit seinen Freunden vom LGBT an. „Da wir momentan von einer konservativen Koalition regiert werden, gehen wir davon aus, dass der Vorstoß am Parlament scheitern wird“, gibt Eiler zu bedenken. „Allerdings glauben wir, dass sich die Homo-Ehe in zwei bis drei Jahren durchsetzen wird.“


Bei der Schwulenparty das erste Mal mit dabei ist Dan Helgi í Gong, der die vergangenen fünf Jahre zwecks Studiums in London verbracht hatte und nun wieder in seiner Heimatstadt Tórshavn lebt. „Zurückgekommen bin ich ganz freiwillig“, sagt der 28-Jährige lachend, der eine Karriere als Popmusiker anstrebt und auch schon sein erstes Musikvideo produziert hat. London vermisse er nicht, trotz der großen Schwulenszene. „Ich bin froh, wieder zu Hause zu sein. Und Schwule gibt es doch überall – auch hier, auf den Färöern.“

Ein Artikel von STEPHAN LÜCKE

Fotos: LGBT Föroyar


Über Stephan

Mit 15 stieß Stephan zufällig auf eine Broschüre über die Färöer-Inseln. Ein kurzes Herumblättern genügte, und es war um ihn geschehen. Neben den Färöern hat der 35-Jährige, der hauptberuflich als Redakteur in einem medizinischen Fachverlag arbeitet und früher mal Krankenpfleger war, auch eine ausgeprägte Faszination für die anderen nordischen Ländern, momentan besonders für Finnland.