Guðrun & Guðrun – Von Färöer Biowoll-Pullovern


New York, Paris, Mailand – das sind die maßgeblichen Städte in Sachen Fashion. Doch auch Tórshavn, die beschauliche Hauptstadt der Färöer-Inseln, ist Modekennern weltweit ein Begriff, denn von dort stammt das angesagte Strickmodelabel Guðrun & Guðrun. Wir haben die Macherinnen, Guðrun Ludvig und Guðrun Rógvadóttir, getroffen und sprachen mit ihnen über Tradition und Zeitgeist, Heimat und Ferne – in Tórshavn.
Weltweit reißen sich Kunden förmlich um Eure Biowoll-Pullover, auf den Färöern zählt Ihr zu den bekanntesten Persönlichkeiten überhaupt. Was ist das Geheimnis Eures Erfolgs?
Guðrun Ludvig: Wenn man auf den Färöer-Inseln im Modebereich arbeiten will, muss man sich darauf besinnen, was es hier gibt – und wir haben nun einmal eine große Stricktradition und sehr gute Biowolle. Das ist die Grundlage unseres Erfolgs. Bei Guðrun & Guðrun trifft Tradition auf Zeitgeist. Das ist denke ich das Besondere.
Guðrun Rógvadóttir: Zudem legen wir großen Wert auf Nachhaltigkeit. Jedes unserer Produkte ist handgefertigt. Das bedeutet, dass Frauen auf den Färöer-Inseln und in Jordanien viele Stunden strickend in ihren Häusern verbracht haben, im wahrsten Sinne des Wortes Zeit in jedes Teil eingearbeitet haben. Deswegen lautet unser Motto „Slow Clothing“. Denn genauso wie man von Fast Food und Slow Food sprechen kann, kann man auch über Fast Clothing und Slow Clothing sprechen. Und die Philosophie unserer Kleidungsstücke ist definitivSlow Clothing.Wie habt Ihr Euch kennengelernt?
Guðrun Ludvig: Das ist eine lange Geschichte, aber ich fasse mich kurz. Vor zehn Jahren beschloss mein damaliger Mann, wieder auf die Färöer-Inseln zurückzuziehen. Wir hatten zuvor viele Jahre in Dänemark gelebt. Für mich war das eine ziemlich blöde Situation, weil das für mich bedeutete, meinen damaligen Designer-Job aufgeben zu müssen, den ich sehr liebte. Zurück auf den Färöern gab es für mich im Modebereich nichts zu arbeiten. Ich jobbte daher erst einmal als Kindergärtnerin und nahm schon einen beruflichen Neuanfang in Betracht. Doch dann begann ich, mich intensiv mit der alten färöischen Stricktradition zu beschäftigen. Alte Frauen aus dem Bekanntenkreis meiner Eltern brachten den Stein ins Rollen. Stricken war damals wirklich völlig aus der Mode gekommen – nur Mütter und Großmütter strickten noch. Ich wurde immer neugieriger und fasste schließlich den Entschluss, mir im Bereich Strickmode ein neues Standbein aufzubauen.

Wie hast Du das angestellt?
Guðrun Ludvig: Ich begann damit, ein bisschen herumzuexperimentieren, meiner Fantasie freien Lauf zu lassen. Plötzlich waren fünf Pullover fertig, bei denen ich die typischen färöischen Strickmuster verwendet habe – allerdings leicht abgewandelt, weniger dominant und femininer. Als Vorlage dienten mir alte Wollpullover meines Vaters.

Wie ging es weiter?
Guðrun Ludvig: Ich schickte die Kleidungsstücke an jenen Modeladen, in dem ich früher in Dänemark gearbeitet hatte. Noch am selben Tag rief mich meine frühere Kollegin an und erzählte mir begeistert, dass sie alle Pullover innerhalb weniger Stunden verkauft hatte, und dass ich unbedingt weitere anfertigen sollte. Ungefähr zur selben Zeit lernte ich Guðrun kennen.
Guðrun Rógvadóttir: Ich war damals als Unternehmerin in Dänemark tätig und wusste, dass Guðrun als Designerin auf den Färöern arbeitete. Eigentlich wollte ich sie nur darum bitten, färöische Schafswolle für ihre Produkte zu verwenden. Damals wollte kaum jemand die viele Wolle haben, weil Stricken und Kleidung aus Wolle völlig aus der Mode gekommen waren. Weil das sogenannte Lanolinöl, das als Sekundärprodukt aus der Schafswolle heraustritt, schädlich für die Umwelt ist, musste die ganze Schafswolle verbrannt werden. Es hat mir immer das Herz gebrochen, wenn ich diese Feuer sah. Wie gesagt, ich rief Guðrun an und wollte erreichen, dass sie etwas aus der Wolle macht. Tja – und dann haben wir uns auf Anhieb unheimlich gut verstanden und beschlossen schon nach kurzer Zeit, etwas gemeinsam auf die Beine zu stellen.

Wann habt Ihr Euer erstes Kleidungsstück verkauft?
Guðrun Ludvig: Das war schon kurz nachdem wir anfingen, miteinander zu arbeiten. Guðrun und ich nahmen an einer Modeausstellung in Dänemark teil und japanische Kunden kauften die ersten Kleidungsstücke.

Wie ging es weiter?
Guðrun Ludvig: Guðrun & Guðrun hat sich immer weiterentwickelt und ist immer größer geworden, bis heute. Die Leute sind sehr interessiert an der Geschichte, die hinter dem Label steht, und schätzen es sehr, dass unsere Stücke handgemacht sind. Wir bekommen eine ganze Menge E-Mails und Briefe, in denen sich die Kunden für unsere Produkte bedanken.

Wann habt Ihr Euren Store in Tórshavn eröffnet?
Guðrun Rógvadóttir: Vor etwa fünf Jahren. Wir waren aber erst an einem anderen Ort, der aber schnell zu klein wurde. Mit dem neuen Store in der Fußgängerzone Niels Finsens gøta sind wir sehr zufrieden.Lebt Ihr eigentlich beide auf den Färöern?
Guðrun Rógvadóttir: Nein, ich lebe in Dänemark. Der Grund dafür ist, dass ich einen dänischen Ehemann habe. Mit dem Herzen bin ich aber immer voll und ganz hier den Färöern.
Guðrun Ludvig: Und ich lebe hier in Tórshavn – mit meinen beiden Söhnen.

Wie teilt Ihr Euch die Arbeit?
Guðrun Ludvig: Guðrun kümmert sich um das Finanzielle; reist viel in der Welt herum, besucht unsere Kunden, organisiert unsere Showrooms und kümmert sich um den Webshop. Und ich bin für den kreativen Part zuständig.

Stammen Eure Kunden zum Großteil aus den nordischen Ländern?
Guðrun Ludvig: Nein, sie kommen aus der ganzen Welt. Wir haben derzeit Showrooms in Mailand, Antwerpen und Berlin – aus diesen Ländern stammt ein Großteil unserer Kunden. Und in Japan sind wir auch sehr erfolgreich.

Aus welchen Materialien werden Eure Produkte hergestellt?
Guðrun Ludvig: Wir verwenden grundsätzlich nur Bioprodukte. Unsere erfolgreichste Linie, Wollpullover mit den traditionellen färöischen Strickmustern, wird zum Beispiel aus hundertprozentiger färöischer Biowolle verarbeitet.

Ist alles handgestrickt?
Guðrun Ludvig: Das meiste, ja.

Und wer strickt?
Guðrun Ludvig: Hier auf den Färöern haben wir etwa 40 Frauen, die für uns stricken. Eine Freundin von mir, Jórun, mit der ich früher zusammen in einem Kindergarten gearbeitet hatte, ist Ansprechpartnerin für all unsere Mitarbeiterinnen. Sie selbst ist auch eine sehr gute Strickerin und zeigt den Frauen, wie es geht und auf was es ankommt. Jórun kümmert sich auch um Qualitätschecks. Doch da auf den Färöern nur 47.000 Menschen leben, brauchen wir auch noch Mitarbeiter aus anderen Ländern.

Welche Länder sind das?
Guðrun Ludvig: Wir haben vor ein paar Jahren ein Frauenprojekt in Jordanien gestartet. Guðrun hatte zuvor an einem EU-Projekt in Jordanien mitgewirkt und herausgefunden, dass es auch dort eine alte Stricktradition gibt – wie hier auf den Färöern. Die Religion der Frauen lässt es aber nicht zu, dass sie das Haus verlassen, um einer geregelten Arbeit nachzugehen. Doch die Damen, die nun für uns arbeiten, können daheim stricken und weiterhin der Hausarbeit nachgehen. Für sie ist es also unbedenklich, Teil von Guðrun & Guðun zu sein. 
Guðrun Rógvadóttir: Grundsätzlich sind wir der Ansicht, dass Frauen nur dann frei sein und selbstbestimmt sein können, wenn sie ihr eigenes Geld verdienen. Guðrun und ich sind daher sehr froh über diese Zusammenarbeit.

Wart Ihr selbst auch schon in Jordanien?
Guðrun Rógvadóttir: Ja, wir waren bisher dreimal dort. Uns ist es sehr wichtig, all unsere Mitarbeiterinnen persönlich mit Namen zu kennen, ihnen in die Augen zu sehen.

Wieviele Jordanierinnen beschäftigt Ihr derzeit?
Guðrun Rógvadóttir: 40 bis 50. Kürzlich haben wir zudem damit begonnen, mit Frauen aus Syrien zusammenzuarbeiten.

Wie oft steht Ihr eigentlich noch selbst im Laden und verkauft Eure Ware?
Guðrun Ludvig: Ich bin jeden Freitag im Shop. Ich unterhalte mich dann mit den Kunden und kreiere neue Schaufenster-Installationen. Wenn ich an neuen Kollektionen arbeite, bleibe ich aber lieber daheim. Manchmal besuche ich dann auch meine Eltern auf Suðuroy, der südlichsten Insel der Färöer. Meine Mutter kann auch sehr gut stricken und sie gibt mir Tipps und Anregungen. Meinem Vater helfe ich manchmal, die Schafe zu scheren. Das alles gibt mir Inspiration.

Eure Heimat, die Färöer-Inseln, spielen also eine wichtige Rolle beim kreativen Arbeiten?
Guðrun Ludvig: Unbedingt. Wenn ich in Tokio oder New York oder sonstwo bin, ist das sehr interessant und inspirierend, aber schon nach relativ kurzer Zeit bekomme ich immer Heimweh nach Tórshavn. Ich glaube, dass ich nur auf den Färöern richtig zur Ruhe komme, mich fallen lassen kann.

Welche Pläne habt Ihr für die Zukunft?
Guðrun Rógvadóttir: Natürlich möchten wir, dass die Firma weiter wächst. Kürzlich haben wir ein weiteres Frauenprojekt gestartet, über das wir sehr glücklich sind – in Peru. Die Frauen in Peru arbeiten mit einem ganz besonderen Material, das es nur dort gibt. Nächsten Monat werde ich dorthin reisen, um zu sehen, wie sich das Ganze entwickelt. Das, was wir verfolgen, ist wie eine Mission – Frauen helfen Frauen.
Guðrun Ludvig: Außerdem planen wir einen zweiten Guðrun & Guðrun-Store. In Tokio. Guðrun und ich haben uns regelrecht in Japan verliebt, als wir dort vor ein paar Jahren an einer Modeausstellung teilnahmen. Einen eigenen Store dort zu haben, in Tokio – das wäre ein Traum. Und der scheint sich bald zu erfüllen.

Interview durchgeführt von Stephan Lücke


Über Stephan

Mit 15 stieß Stephan zufällig auf eine Broschüre über die Färöer-Inseln. Ein kurzes Herumblättern genügte, und es war um ihn geschehen. Neben den Färöern hat der 35-Jährige, der hauptberuflich als Redakteur in einem medizinischen Fachverlag arbeitet und früher mal Krankenpfleger war, auch eine ausgeprägte Faszination für die anderen nordischen Ländern, momentan besonders für Finnland.